Rechtshandbuch Legal Tech

Stephan Brei­den­bach und Flo­ri­an Glatz, Recht­shand­buch Legal Tech, Ver­lag C.H. Beck, München 2018, 99,00 €

Es kommt auf die Dig­i­tal­isierung an, so der ein­dringliche Appell in der Ein­führung des Werkes mit ein­er fik­tiv­en Kurzgeschichte über Recht­san­walt Horst Kotte. Im Jahr 2007 machte er noch Anzeigen im Branchen­buch und benutzte sein Faxgerät. Im Jahr 2017 ste­ht er kurz vor dem Ruh­e­s­tand und die Tochter will die Kan­zlei nicht übernehmen – zu ald­modisch. Im Jahr 2027 ist er dann im Ruh­e­s­tand und sieht, wie sich der Markt für Rechts­di­en­stleis­tun­gen vol­lkom­men verän­dert hat. Dig­i­tal­isiert eben. Der Recht­san­walt um die Ecke hat keine Chance mehr — das ist die Prämisse, die sich als rot­er Faden durch dieses Hand­buch zieht.

Das Werk ist ein guter Überblick über das, was man aktuell unter Legal Tech ver­ste­ht. Aufge­führt wer­den beste­hende „automa­tisierte Rechts­ber­atung­spro­duk­te“, Mark­plätze und Experten­por­tale, „Legal Process Out­sourc­ing“, Por­tale mit Verze­ich­nis­sen und Inhalte, Por­tale zu Forschung, Aus- und Weit­er­bil­dung, anwaltliche Hil­f­s­mit­tel, Doku­mente­n­analyse, Doku­menten­er­stel­lung und Werkzeuge, Kan­zleiman­age­mentsoft­ware und schließlich juris­tis­che Daten­banken. Das Gege­nar­gu­ment, dieser Hype gehe vor­bei, gelte nicht. Die Rede ist von der Indus­tri­al­isierung des Rechts etwa durch Stan­dar­d­isierung von Ange­boten auf hohem Niveau. Die Por­tale etwa im Reis­erecht führten dazu, dass der Zugang zum Recht für Bürg­er zu Kon­di­tio­nen möglich werde, die ein Einze­lan­walt in einem speziellen Rechts­ge­bi­et gar nicht liefern könne.

Die Arbeit des Juris­ten werde sich also stark verän­dern, ohne juris­tis­chen Ver­stand gehe es aber nicht. Der Jurist werde unter­stützt, nicht erset­zt. So wer­den bei der „kün­stlichen Intel­li­genz im Recht“ Möglichkeit und Mythos gegenübergestellt. Die Extrak­tion struk­turi­ert­er Infor­ma­tio­nen aus Tex­ten sowie Entschei­dungsvorher­sagen und Risikobe­w­er­tun­gen wer­den als sin­nvolle Beispiel genannt.

Aus­führlich geht es um die Blockchain und die Frage, ob das ein Par­a­dig­men­wech­sel auch des Rechts sei. Die Tech­nolo­gie wird dargestellt und Smart Con­tracts wer­den erläutert. Beispiel­sweise im Urhe­ber­recht sei es möglich, Nutzun­gen von Werken nachzuze­ich­nen und abzurech­nen. Die Gren­ze liege freilich dort, wo das Ver­trauen der Men­schen in die Tech­nolo­gie und ihre Anerken­nung durch gesellschaftliche Insti­tu­tio­nen aufhöre. Lesenswert sind die Gedanken, inwieweit Smart Con­tracts über­haupt Verträge im bish­eri­gen Sinn sind, oder ob man im dig­i­tal­en Zusam­men­hang an die Grund­la­gen dessen herange­hen muss, was man unter Verträ­gen versteht.

Auch aus ökonomis­ch­er Sicht find­en sich inter­es­sante Ansätze. Bish­er finde die Wertschöp­fung auf Ebene der einzel­nen App­lika­tio­nen statt. Bei der Blockchain sei hinge­gen das Über­tra­gung­spro­tokoll wichtiger und die Anwen­dung trete in den Hin­ter­grund. Das ist der Hin­ter­grund des sehr viel stärk­eren dezen­tralen Ansatzes bei der Blockchain-Technologie

Es schließen sich einige Anwen­dungs­beispiele von Legal Tech an. So geht es – eine englis­chsprachige Pas­sage – um intel­li­gente Marke­n­analy­sen, es geht Trans­parenz von Liefer­ket­ten, die Automa­tisierung von Dar­lehensverträ­gen, Ver­trags­gen­er­a­toren und Man­age­ment oder Finanz­transak­tio­nen wer­den beispiel­haft genannt.

Beson­ders lesenswert ist das Kapi­tel über dig­i­tale Instru­mente der Erar­beitung von Geset­zge­bungsen­twür­fen mit prak­tis­chen Beispie­len des Ein­satzes. Hier wird gezeigt, wie kom­plexe Zusam­men­hänge aufgear­beit­et wer­den. Das Kapi­tel ist aber auch ein Nach­denken über „gute Geset­zge­bung“ im Sinne der Pla­nung: Um was geht es, welche Ziele wer­den ver­fol­gt, welche Mit­tel ste­hen zur Ver­fü­gung? Wenn doch Poli­tik in allen Geset­zge­bungs­bere­ichen so funk­tion­ieren würde!

Im Kapi­tel um Jus­tiz und Dig­i­tal­isierung geht es unter anderem grundle­gend um struk­turi­ertes Parteivor­brin­gen im Zivil­prozess. Es geht fern­er um Forschung im Bere­ich von Legal Tech und vor allem um die Juristenausbildung.

Getreu dem Mot­to, dass Prog­nosen schwierig sind, zumal wenn sie die Zukun­ft betr­e­f­fen, wird man das Werk in zehn Jahren vielle­icht zur Hand nehmen und die eine oder andere Pas­sage amüsiert als etwas schräg und zu enthu­si­astisch bew­erten. Andere Ideen wird man vielle­icht als weise Vorher­sage bestaunen. Darum, wie punk­t­ge­nau eine Vorher­sage sich zukün­ftig erweisen mag, geht es aber heute bei dem Werk gar nicht. Es beschreibt vielmehr sehr nachvol­lziehbar, dass auch der Beruf des Juris­ten, der bekan­ntlich sehr vielfältig ist, von der Dig­i­tal­isierung nicht unberührt bleiben wird. Aufgezeigt wird, dass das sicher­lich erhe­bliche Verän­derun­gen mit sich bringt, die vom einzel­nen Juris­ten Flex­i­bil­ität ver­langt. Aufgezeigt wer­den vor allem die Chan­cen und Entwick­lungspo­ten­tiale für den Einzel­nen aber für die Gesellschaft und die Wirtschaft. Das Werk ist als Auf­forderung zu lesen, sich damit auseinan­der zu set­zen und die Entwick­lung zu gestal­ten – wo auch immer sie am Ende genau hin­aus­laufen wird. Wer jet­zt gestal­tet, kann das gute Ende beeinflussen.