Authen­ti­fi­ka­tion und elek­tro­ni­sche Unter­schrift – Abschluß­be­richt

Kurz­be­richt des Arbeits­krei­ses „Authen­ti­fi­ka­tion“

Der Arbeits­kreis Authen­ti­fi­ka­tion behan­delte Aspekte der Iden­ti­fi­ka­tion mit elek­tro­ni­schen Mit­teln. Dabei kom­men ins­be­son­dere bio­me­tri­sche Ver­fah­ren in Betracht. Aus der Kri­mi­na­lis­tik ist bekannt, daß jeder Mensch indi­vi­du­elle, unver­än­der­li­che Merk­male hat, bei­spiels­weise Fin­ger­ab­druck oder Stimme, wie auch cha­rak­te­ris­ti­sche Ver­hal­tens­wei­sen, z.B. Tas­ta­tur­an­schlag oder Unter­schrift. Es liegt nun nahe, diese indi­vi­du­el­len Eigen­schaf­ten, die man sich nicht mer­ken muß und die jeder mit sich her­um­trägt, zur Zugangs­kon­trolle auch in Netz­wer­ken her­an­zu­zie­hen. Im Vor­jahr (EDV-GT 98) wur­den dafür ver­schie­dene bio­me­tri­sche Sys­teme vor­ge­stellt: Fin­ger­ab­druck, all­ge­meine kör­per­li­che Merk­male (Kon­tur, Iris, Stimme) Anschlag­cha­rak­te­ris­tik an der Tas­ta­tur. Daran wurde beim EDV GT 99 ange­knüpft.

Übli­cher­weise erfolgt die Authen­ti­fi­ka­tion eines Doku­ments durch die eigen­hän­dige Unter­schrift. Zunächst wur­den daher die Genau­ig­keit und Über­prüf­bar­keit des klas­si­schen Authen­ti­fi­ka­ti­ons­mit­tels Unter­schrift dar­ge­stellt. Dazu hat Herr Dr. Hecker vom Bun­des­kri­mi­nal­amt aus­ge­führt:

Im Zeit­al­ter der elek­tro­ni­schen Signa­tur behalte die manu­ell geleis­tete Unter­schrift wahr­schein­lich noch für viele Jahr­zehnte ihre Bedeu­tung als indi­vi­du­elle Wil­lens­er­klä­rung im Rechts­ver­kehr. Damit werde sie – und die ande­ren For­men der Hand­schrift (Textschrift/ Druck­schrift) – auch wei­ter­hin eine her­aus­ra­gende Rolle in der Foren­sik spie­len, eben wegen ihrer Per­so­nen­iden­ti­fi­zie­rungs­ei­gen­schaft.

Zwar spiel­ten auch in der kri­mi­na­lis­ti­schen Schrift­un­ter­su­chung Aspekte der Mus­ter­er­ken­nung zuneh­mend eine Rolle, jedoch voll­ziehe sich das Gros der Urhe­be­r­iden­ti­fi­zie­run­gen nach wie vor auf der Ebene des klas­si­schen Metho­den­spek­trums.

Neben einer Dar­stel­lung die­ser Vor­ge­hens­wei­sen und einem Blick auf die nahe Zukunft unter dem Gesichts­punkt des aktu­el­len For­schungs­stan­des soll­ten ins­be­son­dere auch die Gren­zen der Urhe­be­r­iden­ti­fi­zie­rung über die Hand­schrift auf­ge­zeigt wer­den. An einer Reihe von Fall­dar­stel­lun­gen wurde dar­über hin­aus ver­sucht, dem Benut­zer von Schrift­gut­ach­ten einige Kri­te­rien an die Hand zu geben, die ihm die Unter­schei­dung von metho­disch kor­rek­ten und unse­riö­sen Gut­ach­ten erleich­tern.

Natür­lich kann auch das klas­si­sche Mit­tel der Authen­ti­fi­ka­tion, näm­lich die eigen­hän­dige Unter­schrift, elek­tro­nisch umge­setzt wer­den. Herr Bal­tus hat ein dafür geeig­ne­tes, markt­rei­fes Sys­tem „Hesy“ im Arbeits­kreis vor­ge­stellt. Dabei wird der mit der Abgabe der Unter­schrift ver­bun­dene Druck­ver­lauf an einem belie­bi­gen Stift über Wäge­zel­len pie­zo­elek­trisch in Echt­zeit erfaßt, abge­spei­chert und mit einem hin­ter­leg­ten ent­spre­chen­den Refe­renz­mus­ter ver­gli­chen. Inner­halb einer vor­geb­ba­ren Tole­ranz­schwelle wird die Unter­schrift akzep­tiert, bei Über­schrei­tung wird sie ver­wor­fen.

Neben individuell-strukturellen und bio­lo­gi­schen Merk­ma­len kön­nen auch auf tech­ni­schem Weg cha­rak­te­ris­ti­sche Merk­male aus einem Doku­ment ermit­telt und umkehr­bar ein­deu­tig zuge­ord­net wer­den. Die Bezeich­nung elek­tro­ni­sche oder digi­tale Unter­schrift wird für unter­schied­li­che Vor­gänge ver­wen­det. Es kann dar­un­ter einer­seits die in übli­cher Weise geleis­tete Unter­schrift mit elek­tro­ni­scher Meß­wert­er­fas­sung und digi­ta­ler Umset­zung ver­stan­den wer­den, wie sie dem Ver­fah­ren HESY zugrunde lie­gen. Unter elek­tro­ni­scher Unter­schrift kann aber auch die elek­tro­ni­sche Signa­tur ver­stan­den wer­den. Dabei han­delt es sich um die Ver­schlüs­se­lung eines gehash­ten Doku­ments. Der Hash-Vorgang erzeugt aus einem Doku­ment belie­bi­ger Länge ein Unter­do­ku­ment bestimm­ter, ein­heit­li­cher Länge. Die­ses so defi­nierte Unter­do­ku­ment wird in übli­cher Weise asym­me­trisch ver- und ent­schlüs­selt (je ein öffent­li­cher und pri­va­ter Schlüs­sel, mit dem pri­va­ten Schlüs­sel wird ver-, mit dem öffent­li­chen Schlüs­sel wird ent­schlüs­selt). Bei Iden­ti­tät des gehash­ten Unter­do­ku­ments gilt die Echt­heit des Doku­ment­in­halts als bestä­tigt. Das Sys­tem erfor­dert die Ver­gabe und Ver­wal­tung von indi­vi­du­ell ver­ge­be­nen Schlüs­sel­paa­ren durch sog. „Trust Cen­ter“.

Die Bezeich­nung „Unter­schrift“ für die­sen Vor­gang erscheint unglück­lich gewählt, denn „unter­schrie­ben“ im ver­trau­ten Sinn des Wor­tes wird dabei nichts. Es han­delt sich viel­mehr um einen rein tech­nisch erzeug­ten, ent­in­di­vi­dua­li­sier­ten Vor­gang, der nur über einen pri­va­ten Schlüs­sel eine per­sön­li­che Zuord­nung erhält. Der Schlüs­sel ist in der Regel auf einem Daten­trä­ger (z.B. einer Chip­karte), gespei­chert, der Zugang erfolgt übli­cher­weise durch eine PIN (mit den bekann­ten Unsi­cher­hei­ten). Dies erfolgt ebenso auto­ma­tisch wie bei­spiels­weise das Ein­scan­nen einer Unter­schrift, was vom Ober­lan­des­ge­richt Karls­ruhe als unge­nü­gend für das Ein­le­gen eines Rechts­mit­tels erach­tet wurde.

Abschlie­ßend hat Prof. Rüß­mann recht­li­che Aspekte bei der Umset­zung der Unter­schrift in digi­ta­ler oder elek­tro­ni­scher Form dar­ge­legt und dabei die Frage auf­ge­wor­fen, ob dort, wo recht­li­che Rege­lun­gen heute die Schrift­form ver­lan­gen, auch elek­tro­ni­sche Doku­mente zur Form­wah­rung geeig­net sein kön­nen. Das hält man in der deut­schen Dok­trin im all­ge­mei­nen für aus­ge­schlos­sen und ruft nach dem Gesetz­ge­ber zur Schlie­ßung der Rege­lungs­lü­cke. Tat­säch­lich berei­tet das Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rium eine gesetz­li­che Rege­lung zur sog. Text­form vor. Der Refe­ren­ten­ent­wurf ist dabei bemüht, bei jedem Schrift­for­mer­for­der­nis des mate­ri­el­len Rechts und des Ver­fah­rens­rechts fest­zu­schrei­ben, ob sei­nem Zweck nicht auch durch die Text­form genügt wer­den könne. Auf inter­na­tio­na­ler Ebene ist man da weni­ger zurück­hal­tend.

Prof. Rüß­mann berich­tete von einer Dis­kus­si­ons­runde, die die Haa­ger Kon­fe­renz für Inter­na­tio­na­les Pri­vat­recht in Genf zu Fra­gen des elek­tro­ni­schen Geschäfts­ver­kehrs kurz vor dem EDV-Gerichtstag ver­an­stal­tet hatte. Die dor­tige Emp­feh­lung zur Behand­lung der Schrift­for­mer­for­der­nisse in Son­der­heit in der inter­na­tio­na­len Han­dels­schieds­ge­richts­bar­keit ging dahin, dass der Rechts­an­wen­der ent­schei­den möge, ob die elek­tro­ni­schen Mög­lich­kei­ten zur Siche­rung der Authen­ti­zi­tät elek­tro­ni­scher Doku­mente den tra­di­tio­nel­len Schrift­for­mer­for­der­nis­sen funk­tio­nal äqui­va­lent seien, und beja­hen­den­falls die elek­tro­ni­schen Doku­mente als zur Schrift­form­wah­rung aus­rei­chend anse­hen möge.

Mit eben die­sem Ansatz der funk­tio­na­len Äqui­va­lenz unter­suchte als­dann Prof. Rüß­mann die Wah­rung der der tra­di­tio­nel­len Unter­schrift zuge­schrie­be­nen Funk­tio­nen des Abschlus­ses der rechts­ge­schäft­li­chen Erklä­rung, des Bewei­ses des Inhalts und der Urhe­ber­schaft einer Erklä­rung sowie der War­nung vor dem über­eil­ten Abschuss eines wich­ti­gen oder gefähr­li­chen Geschäfts durch die vor­ge­stell­ten elek­tro­ni­schen Mög­lich­kei­ten. Sein Fazit: Mit Blick auf die Abschluss- und die inhalts­be­zo­gene Beweis­funk­tion sei die elek­tro­ni­sche Signa­tur dem unter­schrie­be­nen Schrift­stück über­le­gen. Die urhe­ber­be­zo­gene Beweis­funk­tion errei­che die elek­tro­ni­sche Signa­tur dann, wenn der Zugang zur Signa­tur über bio­me­tri­sche Ver­fah­ren erfolge. Das Errei­chen der Warn­funk­tion setzte psy­cho­lo­gi­sche Ver­glei­che der Wir­kung einer hand­schrift­li­chen Unter­zeich­nung mit der Wir­kung des bei der elek­tro­ni­schen Signa­tur zu beob­ach­ten­den Ver­fah­rens vor­aus. Er jeden­falls fühle sich schon durch die Ein­gabe einer rela­tiv kom­pli­zier­ten Pass­phrase bei PGP hin­rei­chend gewarnt. Mit HESY als bio­me­tri­schem Zugangs­ver­fah­ren zur elek­tro­ni­schen Signa­tur sei schließ­lich die hand­schrift­li­che Unter­zeich­nung 1 zu 1 abge­bil­det, so dass bei die­sem Ver­fah­ren die funk­tio­nale Äqui­va­lenz mit Blick auf alle Funk­tio­nen der Schrift­form voll­stän­dig gege­ben sei.

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