Wolf­gang Gola­sow­ski His­to­rie des EDV-Gerichtstages

Wolf­gang Gola­sow­ski:

His­to­rie des EDV-Gerichtstages

Vor­trag zum 10jährigen Bestehen des EDV-Gerichtstages

gehal­ten am 20. Sep­tem­ber 2001 in Saar­brü­cken

Sehr geehrte Frau Minis­te­rin, liebe Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen,

ich habe mei­nen Vor­trag in sechs Unter­ab­schnitte geglie­dert:

  1. Zur Per­son
  2. Vor der Zeit­rech­nung
  3. Der Urknall
  4. Das erste Jahr­zehnt
  5. Aus­blick
  6. Dank für die Auf­merk­sam­keit

Geben Sie mir zunächst Gele­gen­heit, mich vor­zu­stel­len.

1. Zur Per­son

Erlau­ben Sie zunächst, dass ich mich vor­stelle: Mein Name ist Wolf­gang Gola­sow­ski. Von 1981 bis 1989 war ich als Rich­ter in Bre­men tätig. Seit 1989 befasse ich mich mit der elek­tro­ni­schen Ver­ar­bei­tung von Daten. Zuerst war ich drei Jahre beim Sena­tor für Jus­tiz und Ver­fas­sung für die Ein­füh­rung von Per­so­nal Com­pu­tern in den bre­mi­schen Gerich­ten zustän­dig. Anschlie­ßend habe ich bis Ende 1993 das Refe­rat für „Stra­te­gi­sche Fra­gen der Tech­nik­un­ter­stütz­ten Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung“ beim Sena­tor für Finan­zen gelei­tet. Seit dem 1. Januar 1994 bin ich Geschäfts­füh­rer der Informations- und Daten­tech­nik Bre­men, die aus dem Rechen­zen­trum der bre­mi­schen Ver­wal­tung her­vor­ge­gan­gen ist. Die ID Bre­men ist heute eine GmbH – also pri­va­ti­siert – und gehört zur T-Systems, die in der Begleit­aus­stel­lung mit einem Stand ver­tre­ten ist.

Ich gehöre zu den 18 Grün­dungs­mit­glie­dern des EDV-Gerichtstages … dazu spä­ter mehr.

2. Vor der Zeit­rech­nung

Der mir auf­ge­ge­bene Titel des Vor­tra­ges lau­tet „His­to­rie des EDV-Gerichtstages“. Ein Teil­be­reich der Geschichts­wis­sen­schaf­ten ist die Archäo­lo­gie. Also habe ich mich in mei­nem Arbeits­zim­mer auf die Suche bege­ben und nach umfas­sen­den Aus­gra­bungs­ar­bei­ten man­cher­lei Erstaun­li­ches zutage geför­dert. Einige Fund­stü­cke habe ich heute mit­ge­bracht und möchte sie Ihnen zei­gen, als das sind:

  • ein Akus­tik­kopp­ler mit 300 Baud (Her­stel­ler Data­phon),
  • ein Daten­mo­dem ohne Post­zu­las­sung (Her­stel­ler unbe­kannt),
  • eine abge­schraubte Tele­fon­dose,
  • eine alte Aus­gabe der PC-Welt, in der davor gewarnt wird, sich einen AT zu kau­fen, weil noch mit Hard­ware­feh­lern zu rech­nen sei,
  • diverse 5 ¼-Zoll Dis­ket­ten (dop­pelte Dichte, keine Ori­gi­nale)

Als ich diese his­to­risch bedeu­ten­den Fund­stü­cke in Hän­den hielt, ist mir zwei­er­lei klar gewor­den.

  1. Ich habe diese prä­his­to­ri­schen Werk­zeuge selbst benutzt, ich bin also Zeit­zeuge, und
  2. es war abso­lut rich­tig, dass ich die diver­sen Auf­for­de­run­gen mei­ner Ehe­frau „die­sen Krem­pel end­lich weg­zu­schmei­ßen“ igno­riert habe. Wert­vol­les geschicht­li­ches Beweis­ma­te­rial wäre für immer ver­lo­ren gegan­gen.

Wel­che Erin­ne­run­gen sind nun durch diese Fund­stü­cke bei mir wach­ge­ru­fen wor­den? Ich erin­nere mich durch­aus daran, als ich das erste Mal „online“ war. Ich hatte den Tele­fon­hö­rer in den Akus­tik­kopp­ler gezwängt, einen Palandt oben­drauf gelegt, damit der Hörer nicht wie­der raus­rutscht, und auf meine Knie eine frühe Aus­gabe der jur-PC aktu­ell gelegt, in der beschrie­ben wurde, wie man den Zugang zur her­ber­ger­schen Mail­box her­stellt. Auf mei­nem bern­stein­far­be­nen Bild­schirm erschie­nen plötz­lich wie aus einem spru­deln­den Quell kryp­ti­sche Zei­chen, von denen ich wusste, dass sie weder auf mei­ner Fest­platte noch auf einer der vie­len Dis­ket­ten gespei­chert waren: Ich war das erste mal drin! Komi­scher­weise schoss mir in die­sem Moment der absurde Gedanke durch den Kopf, ob es wohl bes­ser sei, die Gum­mi­m­an­schet­ten des Akus­tik­kopp­lers regel­mä­ßig mit Tal­kum zu pfle­gen, das soll ja die Lebens­dauer stark erhö­hen.

Der Stolz und die Freude waren nur von kur­zer Dauer, denn die Ver­bin­dung war oft nicht sta­bil und in den Fach­zeit­schrif­ten war von 2400-Baud-Modems die Rede, die atem­be­rau­bende Geschwin­dig­kei­ten ver­spra­chen. Das ganze hatte nur zwei Haken: zuge­las­sene Modems mit FTZ-Nummer waren sehr teuer und die ein­zige im Haus vor­han­dene Tele­fon­dose hatte kein Loch, in das man irgend­et­was hin­ein­ste­cken konnte. Sie war über­dies mit einer dienst­lich wir­ken­den Schraube ver­schlos­sen und strahlte die war­nende Bot­schaft ab: „Wer mich berührt, ver­stößt gegen das Fern­mel­de­ge­setz!“. Wir haben damals wirk­lich geglaubt, dass es mög­lich sein könnte, durch den fal­schen Anschluss der bei­den mick­ri­gen Kabel eines Modems den Tele­fon­ver­kehr einer deut­schen Groß­stadt lahm zu legen. Trotz­dem habe ich – und viele andere auch – die Dose abge­schraubt und die bei­den abiso­lier­ten Kabel­en­den an die Metall­leiste des Post­an­schlus­ses geschraubt. Ab dann ging alles viel schnel­ler.

Ich erzähle das alles, um Ihnen zu zei­gen, mit wel­cher revo­lu­tio­nä­ren Ener­gie die Pio­niere der Daten­ver­ar­bei­tung in der Jus­tiz aus­ge­stat­tet waren, auch wenn wir über­wie­gend lie­gend unter dem häus­li­chen Schreib­tisch mit einem Schrau­ben­zie­her zwi­schen den Zäh­nen unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit gekämpft haben, beglei­tet von der mono­ton vor­ge­tra­ge­nen Auf­for­de­rung „Nun komm doch end­lich ins Bett. Das funk­tio­niert doch sowieso nicht!“. Den mir gegen­über nur ein­ge­schränkt ent­ge­gen­ge­brach­ten Respekt mei­ner Kin­der – ins­be­son­dere im Ver­gleich zu mei­ner Frau – führe ich übri­gens auf diese Zeit zurück.

Das hat uns alles nicht zurück­ge­wor­fen. Die revo­lu­tio­näre Ener­gie war dann spä­ter auch not­wen­dig, um den EDV-Gerichtstag zu grün­den – auch dazu spä­ter mehr.

Zurück zu den Fund­stü­cken. Die Dis­ket­ten sind es wert, genauer betrach­tet zu wer­den. Es han­delt sich im ein­zel­nen um:

  • Super­fam von Dr. Wolf­ram Vief­hues, Ver­sion April 1989
  • FAM.exe von Wer­ner Gut­deutsch, com­pi­liert am 17. Okto­ber 1989
  • Kos­ten­quote von Hans-Diedrich Köcher, erstellt am 25. April 1989
  • REDAT 1.2 von Dr. Klaus Rühle, erstellt im Juni 1989
  • PKH von Hel­mut Hoff­mann, com­pi­liert am 2. Mai 1989

und ein­mal „Larry“.

Wel­che Schlüsse las­sen diese Funde zu? Zunächst nur die­sen: Juris­ten kön­nen zwar nicht rech­nen, aber pro­gram­mie­ren. Die genann­ten Pro­gramm­au­to­ren waren und sind in der Tat aktive Rich­ter und haben Ende der 80er-Jahre damit begon­nen, kleine Pro­gramme zu erstel­len, die die täg­li­che Arbeit erleich­tern soll­ten. REDAT vom Kol­le­gen Dr. Rühle aus Ham­burg war eine leis­tungs­fä­hige Daten­bank zum Archi­vie­ren von Urtei­len. Die Mög­lich­keit, einen Clipper-Compiler nut­zen zu kön­nen, war ein Pri­vi­leg.

Wir waren fas­zi­niert von Pro­gram­men, die Text­ver­ar­bei­tung, Tabel­len­kal­ku­la­tion und Daten­bank unter einer Ober­flä­che ver­ei­nig­ten und einen Daten­aus­tausch zulie­ßen. Frame­work III und Tex Ass waren sol­che Pro­gramme. Nur wenige der EDV-Pioniere haben es geschafft, jemals den gesam­ten Leis­tungs­um­fang aus­zu­nut­zen. Anfang der 90er-Jahre wur­den diese Pro­gramme von Micro­soft vom Markt gefegt.

Die Per­so­nal Com­pu­ter und die Stan­dard­soft­ware waren teuer. Für den Preis eines AT bestückt mit lega­ler Soft­ware konnte man der Ehe­frau oder der voll­jäh­ri­gen Toch­ter auch einen gebrauch­ten Klein­wa­gen kau­fen. Wie die Ent­schei­dung lau­tete war klar: Der Zweit­wa­gen hatte Vor­fahrt und es ent­stand das unab­weis­bare Bedürf­nis, einen dienst­li­chen PC auf den Schreib­tisch zu bekom­men. Bei lega­ler Soft­ware fällt mir übri­gens ein, dass ich Hel­mut Rüß­mann die Siche­rungs­ko­pien von Frame­work III zurück­ge­ben muss, die ich jetzt seit über 12 Jah­ren für ihn in Bre­men auf­be­wahre. Hel­mut, ich bringe sie im nächs­ten Jahr mit.

Zurück zum PC-Beschaffungsantrag. Die ers­ten münd­li­chen Anfra­gen bei der Jus­tiz­ver­wal­tung führ­ten zu ver­blüf­fen­den Reak­tio­nen. Mir ist in guter Erin­ne­rung geblie­ben, wel­che Ant­wort ich bekam, als ich den Ver­wal­tungs­lei­ter mei­nes Amts­ge­richt fragte, wel­che Chan­cen ein Antrag auf Beschaf­fung eines PC wohl habe. Er ent­geg­nete sinn­ge­mäß, die Schnitt­stelle für den Rich­ter zu den Geschäfts­stel­len und den Schreib­diens­ten sei der Akten­bock, im übri­gen fände am nächs­ten Tag eine Vor­füh­rung der Fa. Sie­mens für die Rechts­pfle­ger und Geschäfts­stel­len­lei­ter statt, Plätze für Rich­ter seien lei­der nicht mehr frei. Die­ser Mann hat mich damals genauso radi­ka­li­siert wie wäh­rend des Stu­di­ums die Lek­türe der Schrif­ten von Marx und Engels. Mein Ent­schluss stand fest. Wir müs­sen mehr wer­den und ich mel­dete mich noch am sel­ben Tag für eine Fort­bil­dung in Trier an. Thema: EDV für Juris­ten. Von dort stammt auch die Larry-Diskette.

Wenn Sie mei­nen, das wäre der Urknall des EDV-Gerichtstages gewe­sen, dann muss ich Sie ent­täu­schen. Der wurde erst spä­ter aus­ge­löst. Dazu kom­men wir jetzt.

3. Der Urknall

Ende der 80er Jahre war das Feind­bild klar: Die Amts­räte und Ober­amts­räte hat­ten das Thema „EDV in der Jus­tiz“ besetzt. Das Gre­mium, in dem die wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen getrof­fen wur­den, war die „Bund-Länder-Kommission für Daten­ver­ar­bei­tung und Ratio­na­li­sie­rung in der Jus­tiz“. Zutritt für Rich­ter und Staats­an­wälte ver­bo­ten, es sei den sie gehör­ten einer Mit­tel­be­hörde an und ver­hiel­ten sich ent­spre­chend.

Der ein­zige bedeu­tende Anbie­ter auf dem Markt war Sie­mens. Die Fa. Nix­dorf hatte eine Außen­sei­ter­stel­lung. Als Sie­mens dann Nix­dorf über­nahm war das genauso, als wenn heute die Spie­ler des 1. FC St. Pauli kom­plett von Bay­ern Mün­chen auf­ge­kauft wer­den wür­den und sich einen baye­ri­schen Dia­lekt zule­gen müss­ten. Um mir die­sen Vor­gang damals zu erklä­ren, musste ich meine Skrip­ten aus Stu­den­ten­ta­gen zur Ent­ste­hung und zu den Fol­gen des Mono­pol­ka­pi­ta­lis­mus her­vor­kra­men. Es stimmte alles, was dort stand.

Das pro­prie­täre Betriebs­sys­tem hieß „SINIX“. Es lief nicht auf PCs und es gab davon auch keine Raub­ko­pien. Wenn uns damals jemand erzählt hätte, dass LINUX ein­mal das Betriebsys­tem der Freaks wer­den wird, hät­ten wir ihn wegen schäd­li­chen Fan­ta­sie­rens aus unse­rem Kreis aus­ge­schlos­sen.

Zu allem Über­fluss mel­de­ten sich auch noch die Rich­ter­räte zu Wort und äußer­ten die Befürch­tung, dass Rich­ter zu Schreib­kräf­ten degra­diert wer­den wür­den, wenn man ihnen PCs zu Ver­fü­gung stellte. Gleich­zei­tig waren die ers­ten Trends­couts unter den EDV-Pionieren auf der CEBIT in Han­no­ver gewe­sen und ent­glit­ten in einen Tech­no­lo­gie­tau­mel aus dem einige bis heute nicht zurück­ge­kehrt sind. Schluss­end­lich hat­ten wir den Ein­druck, die Welt dreht sich wei­ter und wir sind nicht dabei. PCs auf dem dienst­li­chen Schreib­tisch waren auf abseh­bare Zeit nicht in Sicht.

In die­ser Phase bekam ich Anfang 1989 eine Ein­la­dung auf den Tisch zu einem Work­shop der Gesell­schaft für Infor­ma­tik, Fach­be­reich 6 „Infor­ma­tik in Recht und öffent­li­cher Ver­wal­tung“, Fach­aus­schuss 6.1 „Rechts­in­for­ma­tik und Infor­ma­ti­ons­recht“, Fach­gruppe 6.1.3 „Infor­ma­tik in der Jus­tiz“. Das ganze sollte in Saar­brü­cken statt­fin­den, wohin sich mein ehe­ma­li­ger Pro­fes­sor Hel­mut Rüß­mann samt Frau und Kin­dern abge­setzt hatte. Das war eine gute Gele­gen­heit, ihn wie­der zu sehen. Das Pro­gramm klang nach „PC am Rich­ter­ar­beits­platz“ und viele bekannte Namen waren als Refe­ren­ten ange­kün­digt.

Die Vor­träge und die Refe­ren­ten der ers­ten Ver­an­stal­tung waren gut. Es ent­stand eine Art Auf­bruch­stim­mung. Am Ende des zwei­ten Tages wur­den Auf­nah­me­an­träge für die Gesell­schaft für Infor­ma­tik ver­teilt. Ich füllte einen aus, gab ihn aber nicht ab. Er befin­det sich noch heute bei mei­nen Unter­la­gen.

Es folg­ten Work­shops 1990 und 1991, so dass der EDV-Gerichtstag drei Vorläufer-Veranstaltungen hatte. Lei­der habe ich nur wenige Doku­mente über die erste Ver­an­stal­tung 1989. Wenn noch jemand wel­che hat, wäre ich für die Über­las­sung von Über­stü­cken oder Kopien dank­bar. Ich hasse unvoll­stän­dige Akten.

Beim Work­shop 1991 knis­terte die Luft. Am 8. März 1991 fand im Hör­saal 111 der Uni­ver­si­tät des Saar­lan­des um 11.00 Uhr eine Ver­samm­lung aller Teil­neh­mer des 3. Work­shops statt. Thema: Wie soll es wei­ter­ge­hen? Ich zitiere aus dem Pro­to­koll, dass damals mein Freund Wer­ner Gut­deutsch ver­fasst hat:

Gola­sow­ski: Kri­tik an Podi­ums­dis­kus­sion (Zustim­mung im Saal) und an der für ihn undurch­sich­ti­gen Rolle der GI und ihrer über­ge­ord­ne­ten Gre­mien.

Vor­schlag:

1. Saar­brü­cken defi­ni­tiv als Tagungs­ort fest­le­gen,

2. in die Hände von Her­ber­ger und Rüß­mann die Feder­füh­rung für die Tagungs­vor­be­rei­tung legen,

3. aus den Tagungs­teil­neh­mern Unter­stüt­zungs­grup­pen für die Tagungs­vor­be­rei­tung bil­den, wobei auch eine Ver­eins­grün­dung in Frage komme,

4. die Bin­dung zur GI lösen.

Fied­ler: Gola­sow­ski wurde über die Rolle der GI infor­miert, Dis­kus­sion ist unan­ge­bracht.“

Voll auf die Zwölf! Was war pas­siert? Wir waren in das Schwer­kraft­feld der Akqui­si­tion von For­schungs­auf­trä­gen gera­ten. Damals stand das Pro­jekt „Struk­tur­ana­lyse der Rechts­pflege (SAR)“ des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums in Bonn an. Wir hat­ten den Ein­druck, dass es in Saar­brü­cken nicht mehr nur um den Erfah­rungs­aus­tausch, son­dern auch um Auf­trags­ver­gabe ging. Mag ja auch alles seine Berech­ti­gung gehabt haben, aber wir hat­ten immer noch keine PCs. Ob unsere Unge­duld aus heu­ti­ger Sicht rich­tig war, erscheint frag­lich. Immer­hin haben die Ergeb­nisse des SAR-Projektes die Jus­ti­z­or­ga­ni­sa­tion stark beein­flusst und sind nach­fol­gend auch immer wie­der Thema des EDV-Gerichtstages gewe­sen.

Wie kam es dann doch noch zur Grün­dung des EDV-Gerichtstages. Die legen­däre Ver­samm­lung wollte 1991 keine Ent­schei­dung tref­fen und die Debatte 1992 wei­ter­füh­ren. Das war eini­gen von uns zu wenig. Wenn es im nächs­ten Jahr zur Grün­dung eines Ver­eins „EDV-Gerichtstag“ kom­men sollte, dann musste gehan­delt wer­den. Der Kol­lege Wolf­ram Vief­hues und ich mach­ten uns daran, eine Sat­zung zu ent­wer­fen. Was zeich­nete uns aus? Wolf­ram lebte schon damals nach dem Motto „Wer schreibt, der bleibt“, siehe seine vie­len Ver­öf­fent­li­chun­gen, und ich hatte an der Uni Bre­men gelernt, wie man Pro­fes­so­ren unter­läuft. Außer­dem hatte meine Frau in ihrer Anwalts­kanz­lei das Beck­sche For­mu­lar­buch mit Mus­ter­sat­zun­gen, die wir abschrei­ben konn­ten. Ihr Kom­men­tar, als ich ihr auf Nach­frage erklärte, was wir vor­hat­ten: „Jetzt spinnt ihr ganz. Was sagt Bri­gitte Rüß­mann dazu?.“

In der zwei­ten Hälfte 1991 gab es dann meh­rere Tref­fen zur Vor­be­rei­tung der Ver­eins­grün­dung. Die GI hatte sich damit abge­fun­den und unter­stützte inzwi­schen das Vor­ha­ben. Der Zug war aus der Halle und nicht mehr auf­zu­hal­ten.

Am 25. Februar 1992 um 17:00 Uhr war es dann so weit. Ein in der deut­schen Rechts­ge­schichte ein­ma­li­ger Akt voll­zog sich. Eine Ver­eins­grün­dung mit 129 Juris­ten. Die Pro­gno­sen, dass das klappt, waren eher schlecht. Es ging dann doch. Die Teil­neh­mer, die in den ers­ten bei­den Rei­hen saßen, wur­den vom Ver­samm­lungs­lei­ter zu Grün­dungs­mit­glie­dern bestimmt, ins­ge­samt 18. Diese beschlos­sen die Sat­zung. Anschlie­ßend tra­ten 111 Anwe­sende geschlos­sen dem Ver­ein bei. Diese hiel­ten sofort mit den ers­ten 18 eine Mit­glie­der­ver­samm­lung ab und wähl­ten Prof. Her­ber­ger zum Vor­sit­zen­den. Anschlie­ßend wur­den 14 Bei­sit­zer für den Vor­stand gewählt. Diese wie­derum wähl­ten Pro­fes­sor Rüß­mann und Wolf­ram Vief­hues zu stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den. Das ganze war vom Prä­si­den­ten der saar­län­di­schen Notar­kam­mer, Herrn Zawar beauf­sich­tigt wor­den. Fer­tig! An dem Drei­er­ge­stirn im Vor­stand hat sich seit­dem auch nichts mehr geän­dert, und das ist auch gut so!

Es ist Chro­nis­ten­pflicht, die Namen der 18 Grün­dungs­mit­glie­der zu nen­nen. Ich zitiere aus dem Anhang zum Grün­dungs­pro­to­koll: „Man­fred Wei­her­mül­ler, Götz Wal­ter, Wolf­ram Vief­hues, Tho­mas Wickern, Wolf­gang Tau­chert, Hel­mut Rüß­mann, Tho­mas Lapp, Dierk Mat­tik, Anette Per­ger, Klaus Jür­gens, Wer­ner Gut­deutsch, Hart­mut Eich­ler, Mar­ga­re­the Berg­mann, Jörg Ber­ke­mann, Maxi­mi­lian Her­ber­ger, Axel Hahn, Peter Fri­de­rici und Wolf­gang Gola­sow­ski“.

4. Das erste Jahr­zehnt

Jetzt fin­det die Ver­an­stal­tung zum 10ten Mal statt. Was waren die High­lights?

Das Her­vor­he­ben bestimm­ter Vor­träge und Refe­ren­ten birgt die Gefahr, dass nicht Erwähnte übel neh­men, nicht genannt wor­den zu sein. Des­halb will ich all­ge­mein blei­ben und räume ein, dass meine Aus­wahl sub­jek­tiv und unvoll­stän­dig ist, weil ich auch nicht immer dabei war.

Kurz­wei­lig und Inter­es­sant waren die Eröff­nungs­vor­träge. Da hatte das Vor­be­rei­tungs­team immer eine glück­li­che Hand. Höhe­punkt war sicher­lich der Vor­trag von Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin Herta Däubler-Gmelin im letz­ten Jahr.

Der EDV-Gerichtstag hat es geschafft die „Bund-Länder-Kommission für Daten­ver­ar­bei­tung und Ratio­na­li­sie­rung in der Jus­tiz“ in die Ver­an­stal­tung ein­zu­bin­den. Das ist ein gro­ßer Gewinn.

Die Unter­su­chun­gen von Kien­baum, Wibera sowie die Ergeb­nisse von JuRiStaR (Infor­ma­ti­ons­tech­ni­sche Unter­stüt­zung von Rich­tern, Staats­an­wäl­ten und Rechts­pfle­gern) der Uni­ver­si­tä­ten Bonn und Tübin­gen und der Gesell­schaft für Mathe­ma­tik und Daten­ver­ar­bei­tung (GMD) wur­den aus­führ­lich vor­ge­stellt. Die große Ver­brei­tung der Erkennt­nisse die­ser Unter­su­chun­gen in der Jus­tiz ist sicher­lich auch ein Ver­dienst des EDV-Gerichtstages.

Der Arbeits­kreis „Soft­ware­be­wer­tung“ hat in der Fach­öf­fent­lich­keit Maß­stäbe gesetzt.

Die Begleit­aus­stel­lun­gen der Fir­men wer­den von Jahr zu Jahr viel­fäl­ti­ger und inter­es­san­ter.

Das „come toge­ther“ bei juris am ers­ten Abend ist gute Tra­di­tion gewor­den.

Das gemein­same Essen am zwei­ten Abend ist der kuli­na­ri­sche Höhe­punkt des Jah­res und hat zu mei­nem heu­ti­gen Gewicht ent­schei­dend mit bei­ge­tra­gen.

Die Teil­neh­mer­zah­len gehen mit fast 500 Teil­neh­mern beängs­ti­gend in die Höhe. Die Finan­zen sind dank der Stand­mie­ten und des Mit­tel­ab­flus­ses für das Essen und Trin­ken am zwei­ten Abend auf hohem Niveau aus­ge­gli­chen

Die­ses Jahr wird es sogar inter­na­tio­nal.

Und PCs haben wir inzwi­schen auch alle, und Lap­tops und Han­dys und PDA und alles ist ver­netzt und im Inter­net sind wir auch stän­dig drin.

Die Halb­wert­zeit des Wis­sens beträgt in der EDV bekannt­lich 6 Monate. Der EDV-Gerichtstag trägt dazu bei, den Anschluss zu behal­ten.

Alles in Ord­nung oder doch nicht?

5. Aus­blick

Es ist dem EDV-Gerichtstag mit zu ver­dan­ken, dass die Daten­ver­ar­bei­tung in der Jus­tiz ein hohes Niveau hat. Der Erfah­rungs­aus­tausch in und außer­halb der Arbeits­kreise hat einen unschätz­ba­ren Wert. In die­sem Zusam­men­hang darf die JurPC nicht uner­wähnt blei­ben, die den lite­ra­ri­schen Teil der Ver­an­stal­tung abdeckt.

Der EDV-Gerichtstag hat unsere beruf­li­che Kar­riere und teil­weise unser Leben geprägt. Ich per­sön­lich wäre heute nicht Geschäfts­füh­rer der ID Bre­men GmbH, wenn es den EDV-Gerichtstag nicht gäbe.

Ein 10jähriges Bestehen sollte auch Anlass sein, über die nächs­ten 10 Jahre nach­zu­den­ken. Ich habe mir zur Vor­be­rei­tung des Vor­tra­ges die Sat­zung des Ver­eins ange­schaut und da beson­ders den § 2, der den Ver­eins­zweck regelt. Aus heu­ti­ger Sicht erscheint er mir sehr nach innen gerich­tet. Der Kampf um den dienst­li­chen PC leuch­tet zwi­schen den Zei­len her­aus, ver­ständ­lich ange­sichts der Situa­tion bei Grün­dung des EDV-Gerichtstages.

Ist das noch aktu­ell? Ich glaube nicht.

In der übri­gen öffent­li­chen Ver­wal­tung wird sehr inten­siv über die Qua­li­tät der Dienst­leis­tung für den Bür­ger nach­ge­dacht und ent­spre­chend gehan­delt. Vor drei Jah­ren hatte ich Gele­gen­heit, hierzu an die­ser Stelle vor­zu­tra­gen. Seit­dem sind zahl­rei­che e-Government-Projekte in Gang gesetzt wor­den. Inzwi­schen wird dar­über nach­ge­dacht, wie die Sach­be­ar­bei­tung für die Fach­kräfte in der Ver­wal­tung durch den Ein­satz von Web-Technologien ver­bes­sert und beschleu­nigt wer­den kann. Es ent­ste­hen lokale und zen­trale Bürger-Service-Center, deren Kon­zep­tion ganz wesent­lich auch auf Technik-Einsatz beruht.

Die­ser Her­aus­for­de­rung muss sich auch die Jus­tiz stel­len. Wir soll­ten uns nicht täu­schen. Das Bild der Jus­tiz in der Öffent­lich­keit ist nicht so toll. Ich behaupte sogar, dass der dro­hende Erfolg des Ex-Richters Schill in Ham­burg mit seine Ursa­che in der Unzu­frie­den­heit des Bür­gers mit der Leis­tungs­fä­hig­keit der Jus­tiz hat. Wenn wir künf­tig über EDV in der Jus­tiz spre­chen, darf Effi­zi­enz kein Tabu-Thema sein. Es darf uns nicht pas­sie­ren, dass wir mit ver­klär­tem Blick vor unse­ren TFT-Bildschirmen sit­zen und die Jus­tiz in die Hände von Leu­ten fällt, die ganz was ande­res im Schilde haben. Wir müs­sen wach­sam sein und bes­ser wer­den. Eine Erkennt­nis aus dem Total Qua­lity Manage­ment lau­tet: „Wer nicht bes­ser wird, ist nicht gut und wer nicht gut ist, hat keine Chance“.

Den Vor­stand möchte ich bit­ten, sich unter die­sem Gesichts­punkt mal die Sat­zung anzu­schauen. Viel­leicht soll­ten wir im nächs­ten Jahr über einen „refresh“ des § 2 spre­chen. Ich halte das mal wie­der für „ange­bracht“.

6. Dank für die Auf­merk­sam­keit

Für heute bedanke ich mich für Ihre Auf­merk­sam­keit und bitte um Ver­ständ­nis dafür, dass ich hei­ter begon­nen und ernst geen­det habe. Die Zei­ten sind so.

Vie­len Dank!

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