Zwischen Kommentar und Algorithmus: Neue Angebote und ihre Bedeutung für Praxis und Wissenschaft (Teil II)
Wie freie Angebote auf die Herausforderungen der KI reagieren
Künstliche Intelligenz verändert auch die Rahmenbedingungen freier juristischer Informationsangebote. Sie betrifft diese Plattformen in mehrfacher Hinsicht:
KI-Systeme greifen sowohl auf freie Angebote selbst als auch unmittelbar auf deren staatliche oder sonstige öffentliche Quellen zu. Das automatisierte und teilweise massenhafte Auslesen stellt daher nicht nur die Betreiber staatlicher Websites, sondern auch die Anbieter frei zugänglicher Informationsplattformen vor neue technische, wirtschaftliche und rechtliche Herausforderungen.
Zugleich eröffnet KI erhebliche Entwicklungsmöglichkeiten. Bestehende Angebote können durch semantische und sprachübergreifende Suchfunktionen verbessert werden. Neue Plattformen lassen sich mit KI-gestützten Entwicklungswerkzeugen schneller und mit geringerem personellem Aufwand aufbauen.
Schliesslich verändert sich die Art der Nutzung. Inhalte werden zunehmend nicht mehr unmittelbar über die Website einer Plattform abgerufen, sondern über Schnittstellen wie das Model Context Protocol (MCP) in KI-Systeme eingebunden. Auf diese Weise können Sprachmodelle auf verlässliche und strukturierte Rechtsinformationen zugreifen. Gleichzeitig droht den bereitstellenden Plattformen ein Verlust an Sichtbarkeit. Dies kann insbesondere dann problematisch werden, wenn Reichweite, Sponsoring oder Werbung einen Beitrag zur Finanzierung des Angebots leisten.
Anhand von drei Beispielen werden unterschiedliche Herausforderungen und Reaktionen freier juristischer Informationsangebote vorgestellt.
Vorträge:
Auswirkungen des KI-Booms auf openJur
Referent: Benjamin Bremert
Künstliche Intelligenz ist seit einigen Jahren in aller Munde – und mit dem Siegeszug großer Sprachmodelle scheint sie sich zunehmend als universelle Antwort auf vielfältigste Probleme zu präsentieren. Doch was bedeutet diese Entwicklung für nicht-kommerzielle Anbieter freier Informationen? Der Beitrag beleuchtet, welche Chancen und Risiken sich für sie aus dem Aufstieg der KI ergeben.
Semantische Suche bei entscheidsuche.ch: Chunking, Embeddings und Vektorsuche in der Praxis
Referent: Jan Faber
Die klassische Stichwort- oder Volltextsuche stösst bei komplexen juristischen Fragestellungen an ihre Grenzen: Wer nach einem Sachverhalt statt nach exakten Begriffen sucht, findet oft nicht die relevantesten Urteile. Semantische Suche mittels KI-Embeddings verspricht hier Abhilfe. Der Vortrag zeigt am konkreten Beispiel von entscheidsuche.ch, wie eine solche Suche technisch umgesetzt wird: Wie werden umfangreiche Gerichtsurteile sinnvoll in Abschnitte zerlegt (Chunking)? Wie werden diese Textabschnitte in Vektoren überführt (Embedding)? Und wie funktioniert die anschliessende Vektorsuche, um inhaltlich ähnliche Urteile zuverlässig zu finden?
Opencaselaw.ch – eine Schweizer Rechtsplattform, mit KI für KI programmiert
Referent: Jonas Hertner
opencaselaw.ch bietet rund eine Million Schweizer Gerichtsentscheide sowie Gesetze und Verwaltungspraxis von Bund und Kantonen, abrufbar über eine integrierte MCP-Schnittstelle. Die Plattform ist für den Eigenbedarf entstanden: Jonas Hertner hat sie vorwiegend mit Claude Code programmiert, als eines von mehreren KI-Werkzeugen seiner Prozesspraxis, und später als Open Source öffentlich zugänglich gemacht. Heute zählt die Plattform täglich mehrere tausend Nutzer, darunter Anwaltskanzleien, Gerichte und Behörden. Das Grundprinzip: KI verlässlich nutzen heisst, ihr nichts abzuverlangen, was sie nicht verlässlich kann. Die Schnittstelle organisiert deshalb die Arbeitsteilung: Zitate werden kopiert, nicht konstruiert; Text wird wörtlich geliefert, nicht paraphrasiert. So wird KI zum verlässlichen Partner.
Referierende mit Kurzlebensläufen:
Benjamin Bremert ist Vorstand des openJur e.V., im Hauptberuf ist er Syndikusrechtsanwalt im Daten- und Informationsrecht bei einem IT-Dienstleister.
Jan Faber, Informatiker und Geschäftsführer der PANSOFT GbmH, entwickelt als Projektleiter, Softwarearchitekt und Programmierer individuelle Softwarelösungen meist auf Basis von Open-Source-Technologien. Zu diesen Projekten zählt auch die Mitwirkung zur Schweizer Urteilsdatenbank entscheidsuche.ch.
Jonas Hertner ist Rechtsanwalt in Basel und Zürich. Seit 2025 führt er eine eigene Kanzlei mit Schwerpunkt Prozessführung und Dienstleistungen für Family Offices; zuvor war er zehn Jahre Prozessanwalt bei Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan in Zürich. Im Februar 2026 hat er opencaselaw.ch gebaut, eine freie Plattform für Schweizer Rechtsprechung, Gesetzgebung und Verwaltungspraxis.
Moderation:
Dr. Jörn Erbguth, Jurist und Informatiker. Er ist Präsident der NGO Geneva Macro Labs und berät zudem zu neuen Technologien und Datenschutz. Er ist sowohl Mitglied im Vorstand des EDV-Gerichtstags als auch des Vereins entscheidsuche.ch, der Schweizer Gerichtsentscheide gesammelt online stellt.
24. September 2026, | Arbeitskreis | Universität des Saarlandes, |